Kirche in Deutschland – 6 Fakten

Wie christlich ist die Kirche in Deutschland? Nach einem starken Rückgang der Kirchenbesucher zu urteilen, nicht sehr. Aber ein Blick auf Steuereinnahmen, Gremienmitgliedschaften und Landbesitz lässt vermuten, dass die beiden größten Kirchen immer noch eine Fülle von Einfluss haben.

Das Heilige Römische Reich, die Geburtsstätte des Protestantismus, die Schlachtfelder der christlichen Theologie. Die Länder, die das moderne Deutschland ausmachen, hatten einst Sitzplätze in der ersten Reihe für einige der bedeutendsten Entwicklungen sowohl in der Geschichte Europas als auch des Christentums.
Heute sind diese christlichen Wurzeln nur schwer zu übersehen. Feiertage, die auf dem katholischen und protestantischen Glauben beruhen, sorgen für lang ersehnte Urlaubstage, die über Weihnachten und Ostern hinausgehen. Und während „christliche“ politische Parteien – Angela Merkels Christlich-Demokratische Union und die Bayerische Christlich-Soziale Union, zum Beispiel – eher als traditionell denn als religiös gelten, machen die Namen der Parteien deutlich, dass sie auf der Grundlage christlicher Werte konzipiert wurden.
Doch die Allgegenwart von Kirchtürmen, Kreuzen und Heiligen ist trügerisch: Die Kirche n in Deutschland sind weitgehend leer. Ist es zutreffend, dass Deutschland als christliche Nation bezeichnet wird, da immer mehr Christen zentrale Glaubensgrundsätze, einschließlich der Existenz Gottes, ablehnen?
Wir werfen einen Blick auf sechs Fakten und Zahlen, die die Zusammensetzung der katholischen und protestantischen Identität und des Einflusses der Kirche im heutigen Deutschland beleuchten.

1. Die Mehrheit der Deutschen bezeichnet sich als christlich

Rund 48,4 Millionen Deutsche bekennen sich zum Christentum, egal ob sie katholisch, evangelisch, orthodox oder konfessionslos sind. Das sind fast 60 Prozent der deutschen Gesellschaft.
Die muslimische Bevölkerung macht etwa 5 Prozent (4,5 Millionen) der Bevölkerung aus, die jüdische Gemeinschaft 0,1 Prozent (99.000).
Über 35 Prozent der Bevölkerung gehören einer anderen Konfession an oder haben sich als konfessionslos gemeldet.

2. Weniger als 10 Prozent der Christen gehen regelmäßig in die Kirche


Die Mehrheit der Christen in Deutschland ist entweder als katholisch (23,6 Millionen) oder evangelisch (21,9 Millionen) registriert. Die evangelische Kirche hat ihre Wurzeln im Luthertum und anderen Konfessionen, die aus der religiösen Reformbewegung des 16. Jahrhunderts hervorgingen. Trotz des offiziellen Namens der evangelischen Kirche – „Evangelische Kirche Deutschlands“ (EKD) – ist sie nicht mit der evangelikalen Bewegung in den USA zu verwechseln.
Was die Zahlen nicht verraten, ist, ob die Kirchenmitglieder den christlichen Glauben praktizieren oder nur die Tradition bewahren. Ein Blick auf die Gottesdienstbesucherzahlen würde dafür sprechen, dass die Mehrheit der Gesellschaft in Wirklichkeit nicht religiös ist.

Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz gehen nur 10 Prozent der eingetragenen Katholiken sonntags in die Kirche. Bei den Protestanten sind es 3 Prozent. Und nicht nur das: In den Kirchen gibt es weniger Taufen, Bräute und – bei den Protestanten – Beerdigungen: Zwischen 2010 und 2015 sind die kirchlichen Trauungen bei den Katholiken um 8 Prozent und bei den Protestanten um 14 Prozent zurückgegangen.
Im gleichen Zeitraum traten pro Jahr durchschnittlich 167.000 Katholiken und 180.000 Protestanten offiziell aus der Kirche aus.

3. Kirchen machen trotz sinkender Zahlen Milliardenbeträge

Im Jahr 2016 haben die katholische und die evangelische Kirche rekordverdächtige 6,1 Milliarden Euro (7,5 Milliarden Euro) bzw. 5,5 Milliarden Euro (6,8 Milliarden Euro) an Kirchensteuer eingenommen.
Das Recht der Kirchen, einen De-facto-Mitgliedsbeitrag in Form einer Steuer einzuziehen, geht auf das Jahr 1919 zurück, als die Weimarer Republik diese Maßnahme einführte, um den finanziellen Folgen der Trennung von Kirche und Staat zu begegnen, der Saekularisierung.
Der Satz liegt derzeit bei 9 Prozent des Einkommens für Mitglieder oberhalb einer bestimmten Einkommensgrenze. Das Geld hilft, Kirchengemeinden, kirchliche Angestellte, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen über Wasser zu halten.
Und da das Finanzministerium die Steuer für sie abwickelt – keine der beiden Kirchen hat die nötige Infrastruktur für ein solch massives Unterfangen -, erhält es auch satte 3 Prozent der Gesamtsumme, die sich 2016 auf 348 Millionen Euro summierte.

4. Landbesitz erhöht auch den Reichtum der Kirchen

Die Bewertung des Reichtums der Kirchen ist aufgrund ihres umfangreichen Landbesitzes und der Reparationszahlungen, die sie von den Staaten erhalten, eine heikle und verworrene Angelegenheit.
Die beiden Kirchen besitzen mindestens 830.000 Hektar (8.300 Quadratkilometer oder 3.200 Quadratmeilen) Land, so eine Schätzung des Kirchenkritikers Carsten Frerk, dessen Zahl oft von deutschen Medien zitiert wird.
Die Kirchen selbst haben Zehntausende von Gebäuden offengelegt, die sie jeweils zusätzlich zu mindestens 14.100 evangelischen und 10.800 katholischen Kirchen besitzen. Betrachtet man die Gebäude, die im Zusammenhang mit der Rolle der Kirchen im Gesundheitswesen, der Bildung und der karitativen Arbeit stehen, so hat die katholische Kirche mindestens 66.000 und die evangelische Kirche weitere 50.000 zusätzliche Gebäude im Besitz. Darüber hinaus vermieten sie landesweit eine ungenannte Anzahl von Immobilien an Hausbesitzer und Unternehmen.
Außerdem erhalten sie staatliche Gelder zum Ausgleich von Vermögensverlusten, die bis in die frühen 1800er Jahre zurückreichen, als Napoleon das Heilige Römische Reich stürzte. Diese beliefen sich laut Deutschlandfunk im Jahr 2017 auf fast 500 Millionen Euro und kommen von den Steuerzahlern, egal ob sie einer Kirche angehören oder nicht.

Kapellen sind leicht zu sehen, aber schwieriger zu erkennen ist, wo die Kirchen Ländereien besitzen, nachdem sie jahrhundertelang den Besitzer gewechselt haben.

5. Die Kirche in Deutschland ist in öffentlichen Angelegenheiten stark vertreten


Ein weiterer Grund, warum katholische und evangelische Interessen in der deutschen Gesellschaft so sichtbar sind, sind die Sitze, die Kirchenvertretern in Aufsichtsräten verschiedenster Organisationen eingeräumt werden. Dort sitzen die Kirchen neben anderen Interessengruppen wie Naturschützern, Gewerkschaftsführern und Experten aus den verschiedensten Bereichen, um eine wichtige Bevölkerungsgruppe zu vertreten.
So haben die beiden Kirchen beispielsweise eine Stimme in den Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, von der bundesweiten ARD und dem ZDF über den regionalen WDR bis hin zur internationalen Deutschen Welle (DW), die mit Bundesmitteln gefördert wird. Zu den Aufsichtsaufgaben dieser Gremien gehört auch die Mitwirkung bei der Auswahl des Intendanten.
Angesichts der unzähligen Aufsichtsräte in Deutschland ist es nahezu unmöglich, genau zu wissen, wie viele dieser Sitze von den Kirche n gehalten werden.
Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Mitglieder des Deutschen Bundestages im Zentralkomitee der Katholiken (ZDK) oder in der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mitarbeiten. Nominiert als Privatpersonen und nicht als Vertreter ihrer Parteien, gehören diese Personen zu den mehreren hundert Laien, die die Agenda der jeweiligen Kirche mitbestimmen.
Von ihnen wird auch erwartet, dass sie kirchliche Interessen in der Öffentlichkeit vertreten – wobei unklar ist, wie dies mit ihrer Rolle in öffentlichen politischen Ämtern zusammenhängt.

Auch in der Literatur des 20. Jahrhunderts spielt die Kirche eine große Rolle.

6. Immer weniger Christen glauben an die Kernaussagen ihres Glaubens


Auf die Frage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Jahr 2017, ob sie an die Auferstehung Jesu Christi glauben, antworteten nur 52 Prozent der Katholiken und 48 Prozent der Protestanten mit Ja. Auf die Frage, ob sie an ein Leben nach dem Tod glauben, antworteten nur 40 Prozent der Katholiken und 32 Prozent der Protestanten mit Ja.
Zusätzlich fragte das Forschungsinstitut Emnid die Christen, ob sie an Gott glauben. Rund 24 Prozent der Protestanten und 11 Prozent der Katholiken verneinten dies, so der Tagesspiegel.
Diese Umfragen weisen deutlich auf eine deutsche Gesellschaft hin, in der viele Menschen die christliche Identität nicht mit einem Glaubensbekenntnis gleichsetzen. Das wiederum wirft die Frage auf, inwieweit die katholische und die evangelische Kirche ihre einflussreichen Positionen in Staat und Gesellschaft nutzen, um im Interesse ihrer zusammen 45 Millionen Mitglieder zu handeln.

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